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TID #3 – Von schwimmenden Einhörnern

Als gebürtiges Kamellekind lebt es sich so: Du kommst zur Welt, wirst bei der Taufe mit allen Kölnisch Wassern gewaschen und spätestens im Kindergarten das erste Mal in ein Kostüm gesteckt. Dann kommst du in die Grundschule, gehst in die Kölsch-AG, bekommst das kölsche Grundgesetz eingebläut und träumst beim alljährlichen Karnevalsumzug davon, einmal Funkenmariechen zu sein. Später geht der Wahnsinn weiter und wenn dir in der Bahn einer mit Clownsnase gegenübersitzt, fragst du dich allenfalls, wo er sein Lappenkostüm gelassen hat. Man möchte also meinen, der Kölner ist so einiges gewöhnt und die Messlatte des Verrückten reichlich hoch angesetzt. Wie so oft dieser Tage, wurde ich eines Besseren belehrt.

Tatsache ist: Es gibt nur eine Spezies auf dem Planeten Erde, die noch verrückter ist, als der Kölner selbst. Die Rede ist natürlich von den Weißwurstessern, den Königstreuen, den Brezensagern. Oder – in Obelix´ Worten: Die spinnen, die Bayern! Dass das für den Rest Deutschlands soweit nix neues ist, mag sein. Aber seit ich ins Land der Fleischpflanzerlsemmel gezogen bin, habe ich das Gefühl, das Klischee übertrifft sich selbst und der Bayer hat sogar noch Spaß dabei, sich so eigenartig wie möglich zu benehmen. Ein Beispiel konnte ich bereits in einem früheren Artikel anführen, wo ich kurz nach der Anreise Zeuge einer Brotdegustation wurde – inklusive seeeeehr langem Kauen. Hier lernte ich auf die harte Tour, dass es in Bayern Brezen heißt und nicht Brezeln. Hatte ich mich zuvor noch über die zahlreichen Rechtschreibfehler auf den Preisschildern beim Bäcker lustig gemacht, wurde sich nun auf einmal über mich lustig gemacht. Wie schnell sich die Dinge doch ändern.

Nochmal, weil´s so schee war.

Die Bayern unternehmen gerne Sachen an der frischen Luft, gerne mit Familie, raus in die schöne Natur, wieso auch nicht. Als ich dann aber zu einem Papierbootrennen auf dem Starnberger See gerufen wurde (oder, wie der Bayer sagt: einer Mords-Gaudi), zu dem der ganze Landkreis samt Traumschiff-Prominenz gekommen war und ich in den folgenden Stunden einem schwimmenden Einhorn namens Rüdiger-Agata beim Paddeln zusehen durfte, wurde mir klar, irgendetwas stimmt hier nicht. Und dann diese Woche beim Abiball-Report, als mir die frischgebackenen, spätpubertären, rebellischen Abiturienten in Dirndl und Lederhosen statt Anzug und Abendkleid gegenüber saßen …

Langsam aber allmählich habe ich das Gefühl, ich mutiere. Ein Monster, dass ein Leben lang in meinen Eingeweiden geschlummert hat, bricht sich Bahn. Meine Ms. Hyde, mein ganz persönlicher Hulk, mein innerer Bayer. Ich ertappe mich immer wieder dabei, wie ich Brezen sage, statt Brezeln. Letztens brach ich in Tränen aus, nachdem ich den Kollegen am Morgen wie selbstverständlich mit einem Servus begrüßt hatte. Und mittlerweile sage ich am Telefon auch noch Grüß Gott.

Das allerschlimmste ist, dass die Bayern bei all dem Weißwurstgetue auch noch so verdammt nett sind. Dass Bayern in manchen Ecken so unerträglich schön ist, dass ich vor lauter Zucker brechen möchte. Da wird es einem ganz schön schwer gemacht, das innere Monster zu bezwingen und nicht heimlich auf Immobilienscout24 nach München-nahen Wohnungen zu suchen. In meiner Verzweiflung greife ich also nach dem letzten Strohhalm, der mir bleibt: einem Pakt, den ich vor zwei Monaten im fernen Bonn mit meinen Boxkumpanen geschlossen habe. Sollte ich eines Tages zurückkehren und bayrisch sprechen, dürfen sie mir eins auf die Mütze geben. Und zwar so lange, bis ich aus tiefster Kehle ein verzweifeltes Alaaaaf! gen Himmel schreie. So wie es aktuell aussieht, komme ich mit mehr als einem blauen Auge davon.

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