#Waldtagebuch
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Nothing else matters – #Waldtagebuch

Rheinisches Braunkohlerevier Tagebau Garzweiler

Dieser Beitrag ist Teil der Blog-Serie #Waldtagebuch. Alle Beiträge der Reihe findest du hier.

Keyenberg, 13.06.21 – Eins, zwei, fünfmal umwickeln, durch die ersten zwei Schlingen durch, festziehen. Ich beende den Blake und setze zum Spierenstich an. Tine hantiert derweil mit dem Feuerzeug und zündelt an den Enden der Polyprop-Seile. An die zwanzig Schaukeln stapeln sich bereits auf dem Haufen neben uns, dreißig sollen es heute noch werden.

„Nicht, dass die in Lützi auf die gleiche Idee kommen“, sage ich. „Am Ende haben wir mehr Schaukeln als Äste.“

„Ach das glaub ich nicht“, meint Tine und drückt das geschmolzene Seilende auf dem Holztisch platt.

Aus dem Augenwinkel bemerke ich zwei Besucherinnen, die sich vom Brunch den Weg zu uns durchs Gebüsch bahnen. Als die ältere von ihnen den Haufen neben uns erblickt, lächelt sie uns zu.

„Ja, man kann nie genug Schaukeln haben!“

„Vor allem freuen sich die Kletter-Cops„, lache ich und beginne einen neuen Knoten.

Die Frau sieht mich fragend an. Einen ziemlich langen Moment kann ich die Zahnräder in ihrem Kopf rattern hören.

„Achsooo …“, ruft sie leise aus und beginnt angeregt, mit ihrer Begleitung zu tuscheln.

Einmal rum, einmal überkreuzt, drunter durch. Ich ziehe den Spierenstich fest und grinse in mich hinein.

Schaukeln Baumhaus Besetzung Lützerath
Schaukeln für den Widerstand. Etwa 50 Schaukeln machten sich am 17. Juni auf den Weg ins besetzte Dorf Lützerath. Foto: Unser Aller Wald

Keyenberg, 21.06.21 – Traurig blicke ich aus dem Busfenster, vor dem sich im diesigen Nachmittagslicht ein bewaldeter Hügel aus dem Nebel erhebt. Inmitten des Plattlands bei Grevenbroich wirkt er seltsam deplatziert. Ist er auch, denke ich, als er langsam an uns vorüberzieht. Irgendwo muss die ganze Erde ja hin, die sie hier rausholen.

Erschöpft reibe ich mir über die Augen. Ich krieg schon wieder Migräne und von dem Gekurve wird mir allmählich übel. Zum Glück fahren die Bahnen ab morgen wieder normal. Scheiß Pendelei.

Als mein Blick abermals zum Fenster gleitet, prangen mir die Kraftwerke Neurath, Frimmersdorf und Niederaußem in monströsem Weiß entgegen. Fuck, was läuft falsch mit dieser Welt, denke ich, als die Wolkenmacher langsam an mir vorüberziehen und gewaltige Dampfschwaden in den Himmel entlassen. Ich spüre, wie sich der Kloß in meinem Hals festsetzt und mir hinter der Sonnenbrille die Tränen in die Augen steigen. Ich schlucke und drücke sie weg.

An den meisten Tagen kann ich die Schwere dieses Ortes ausblenden. Es geht nicht anders, wenn man hier leben will. Heute gelingt es mir nicht.


Keyenberg, 22.06.21 – Über mir prasselt der Regen auf das Sonnensegel, die Hitze der vergangenen Tage ist vergessen. Timon ist am Freitag gefahren. Während er sein Vanlife fortsetzt, liegt die Traurigkeit von gestern wie Blei auf meinen Schultern.

Dick eingepackt kauere ich mich in den Sessel und gehe meine Notizen durch. All die schönen Erlebnisse der letzten Zeit erscheinen mir auf einmal unpassend. Ich lege das Handy beiseite und schließe die Augen. Hinter mir hat Benni begonnen, auf der Ukulele zu spielen. Zwischendurch begleitet von der Mundharmonika, die er sich mit einem Gerüst vor die Nase geschnallt hat.

Don’t you know
They’re talking about a revolution?
It sounds like a whisper

Die Musik hat etwas Tröstliches. Als es mir irgendwann zu kalt wird, mache ich mich auf den Weg in den Tower. Scheinbar bin ich nicht als einzige auf die Idee gekommen, auf allen drei Stockwerken sitzen Menschen schweigend vor ihren Laptops.

Ich mache es mir im zweiten Stock auf dem Boden bequem, ziehe die Kopfhörer auf und schließe die Augen. Musik hilft, denke ich, als die ersten Takte von Nothing else matters die Stille durchbrechen. Vor der Balkontür liegt der verregnete Wald wie eine Blase vor mir. Eine Parallelwelt, die die Sorgen von außen abschirmt. Meistens.

Unser Aller Wald Tower
„Unser Aller Wald“ ist eine Blase. Hier zu sein, hat etwas Tröstliches.

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