#Waldtagebuch
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Über den Wipfeln – #Waldtagebuch

Baumhaus Unser Aller Wald Besetzung

Dieser Beitrag ist Teil der Blog-Serie #Waldtagebuch. Alle Beiträge der Reihe findest du hier.

Keyenberg, 05.06.21 – „Wie geht es dir da oben“, ruft Timon zu mir hinauf.

Meine Beine zittern wie verrückt. Obwohl gerade alles wackelt, versuche ich, die aufrechte Position in der Traverse zu halten. Jeder Kletter-Cop würde mich jetzt auslachen.

„Ich habe Todesangst!“

Von unten höre ich Timon dreckig lachen. Verräter.

„Was tut man nicht alles für die Revolution“, ruft mir Michael vom anderen Ende der Traverse zu und beginnt, die Steigschlingen ans Kletterseil zu knoten. Sofort beginnen beide Polyprop-Seile heftig zu schwanken. Ich harre aus, bis sich die Turbulenzen gelegt haben, dann raufe ich mich zusammen. Langsam setze ich einen Fuß neben den anderen, halte das Gleichgewicht und schiebe die Sicherung vor mir Stück für Stück nach.

Stell dich nicht so an, denke ich. Du kannst fünfzehn Meter an einem Seil hochklettern, dann kannst du auch darauf balancieren. Kurz denke ich an meinen ersten und einzigen Besuch im Hochseilgarten. Wie toll ich das damals fand. Aber ein verflucht teurer Spaß. Zu teuer für eine Familie mit vier Kindern. Jetzt, denke ich, kann ich jeden Tag in den Hochseilgarten. Ha!

Nach wenigen Minuten erreiche ich den Baumstamm, um den die Seile gespannt sind, klinke mich um und erreiche kurze darauf das Kletterseil. Vom Boden aus zu starten ist eine Sache. Sich in zehn Metern Höhe auf einem wackligen Seil balancierend an ein anderes wackliges Seil zu binden, eine andere. Jetzt bloß keinen Fehler machen.

Ich sichere mich und atme erleichtert auf, als ich mich in meinen Gurt sinken lasse. Kurz blicke ich auf den Wald um mich herum, die ersten niedrigen Wipfel habe ich bereits hinter mir gelassen.

Über mir ist Michael bereits auf der Plattform angekommen und ruft mir ermunternde Worte zu. „Komm Grobi, du schaffst das!“

Er hat leicht reden. Ich fühle mich, als hätte ich gerade den Montblanc bestiegen und er meint, der Everest müsse auch noch drin sein. Scheiße man.

Traverse Klettern Baumhaus Besetzung
Das Spektakel ist mit seinen knapp 30 Metern das am höchsten gelegene Baumhaus in „Unser Aller Wald“.

Nur noch zwanzig verdammte Meter, denke ich und stemme mich in die Fußschlinge. Ich fluche, meine Arme sind müde. Warum habe ich nochmal den Wollpulli an? Timon, der das Ganze von unten filmt, fragt mich, wie es geht.

„Scheiße.“

„Und du willst immer noch ganz hoch, ja?“

Ja, verdammt.

„Kann ich euch beide dann euerm Schicksal überlassen?“

„Du willst gehen?“

„Nö, ich kann auch bleiben, wenn du willst.“

„Ok, aber wenn du gleich einen Schrei hörst und es Plumps macht, bin ich runtergefallen.“

„Ne, dann bleibe ich lieber.“

Ich konzentriere mich auf den Weg, der noch vor mir liegt. Neun freshe Meter. Das zweite Baumhaus, auf das ich geklettert bin, lag auch neun Meter hoch. Wahnsinnig ermutigend. Ich lehne mich zurück, ziehe die Fußschlinge höher, stemme mich rein, Brustschlinge höher, von vorne.

Als ich die nächste Kunstpause eingelegt habe, sehe ich, dass Timon unter mir ein Buch rausgeholt hat. So wie das hier voran geht, könnte er genauso gut den „Herrn der Ringe“ lesen. Ich atme tief ein und genieße für einen Moment die Aussicht. Wow. Um mich herum liegt der Wald in diesiger Kühle. Ich dringe nun langsam in die höheren Lagen vor – was für eine Perspektive! Das Zwitschern der Vögel ist überall, die Luft ist angenehm feucht. Wie im Urwald, denke ich. Erlebe ich das gerade wirklich?

Als ich endlich meinen Oberkörper über die Plattform stemme, wartet Michael bereits auf mich. „Vorsicht mit dem Kopf“, sagt er, als ich mich an der quer gespannten Traversenschnur sichere und meine Füße auf die Plattform setze. Das „Spektakel“ ist das höchste Baumhaus in Unser Aller Wald. In knapp dreißig Metern Höhe liegt mir die Besetzung zu Füßen. Selbst der gewaltige Tower wirkt von hier aus wie ein Gartenhäuschen.

Staunend lehne ich mich gegen einen großen Ast und grinse Michael zu. In diesem Augenblick kann ich nicht glauben, dass das mein Leben ist. Das ich wirklich hier bin. In diesem Augenblick weiß ich, dass ich genau da bin, wo ich hingehöre.

Aussicht Baumhaus Besetzung Garzweiler
Aussicht aus 30 Metern Höhe. Der dreistöckige Tower wirkt von hier aus wie ein Gartenhäuschen.

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