#Heimatdorf
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„Dieser Wald gehört uns allen“ – #Heimatdorf

Unser aller Wald Baumhaus Keyenberg

Dieser Beitrag ist Teil der Serie #Heimatdorf. Die gesammelten Artikel findest du hier.

Man kennt es aus Märchen und Fantasy-Büchern: während draußen die Realität ihre kalten Finger ausstreckt, wartet hinter der Waldgrenze eine fremde Welt voller wundersamer Dinge.

Auch wenn Keyenberg keiner Geschichte entspringt, spürt man diesen Zwiespalt an keinem Ort so stark wie hier. Alte Vierkanthöfe, Backsteinbauten, grüne Felder, Fachwerk und im Zentrum die Heilig-Kreuz-Kirche. Keyenberg wirkt, wie aus einem Heinz-Erhardt-Film geschnitten, alles hier schreit Heimat. Zumindest auf den ersten Blick.

Aus den Feldern ragen Schläuche und Pumpsysteme wie Katheter.

Auf den zweiten bemerkt man die Stille auf den leeren Straßen, wer hier durchfährt, bleibt nicht stehen. Bei ganzen Häuserreihen sind die Fenster verrammelt, die Briefkästen zugeklebt. Und aus den Feldern ragen in regelmäßigen Abständen Schläuche und Pumpsysteme wie Katheter. Seit einiger Zeit wird das Grundwasser unter dem wertvollen Lössboden abgepumpt, um die Schürfungen am nahegelegenen Tagebau Garzweiler zu ermöglichen. Der Abriss des kompletten Dorfes ist für 2023 geplant.

  • Keyenberg Ortsengang Garzweiler
  • Keyenberg Straße
  • Keyenberg Straße
  • Keyenberg leerstehende Häuser
  • Supermarkt Geisterstadt Keyenberg
  • Felder Grundwasser Pumpen Keyenberg

Das Tor in eine andere Welt

Am Rand von Keyenberg beginnt der Wald. Banner, zehn Meter hoch in den Bäumen, weisen uns den Weg: „Willkommen in unser aller Wald“, heißt es da. Ein verwurzelter Pfad führt tiefer ins Waldesinnere, wenige Augenblicke später sehen wir die ersten Baumhäuser. Das größte von ihnen ragt turmhoch über unseren Köpfen.

„Unser aller Wald“ ist ein Paradebeispiel für die Vielfältigkeit des Protests am Garzweiler Tagebau.

Das Baumhausdorf „Unser aller Wald“ ist ein Paradebeispiel für die Vielfältigkeit des Protests am Garzweiler Tagebau: Am Eingang des Dorfes lädt eine Sitzgruppe mit Fahrradstellplatz zum Verweilen ein, eine schwingende Plattform mit Hängeleiter dient ersten Kletterübungen. Ein Selbstversuch beweist: gar nicht so einfach, wie gedacht.

„Ich habe das Klettern erst gelernt, nachdem ich hierhergezogen bin“, erzählt uns malin (Aktivist_innenname, Anm. d. Red.). Sie und Aktivist romii haben uns am Hauptbaumhaus in Empfang genommen, die Siedlung ist rund um die Uhr für Besucher geöffnet. „Wir versuchen, ein offener Ort zu sein, wo wir unser Wissen teilen und so viele Menschen wie möglich einladen“, erklärt sie. Die Dorfbewohner stünden voll und ganz hinter dem Projekt, spendeten immer wieder Essen und versorgten die Aktivist_innen mit Trinkwasser.

Unser aller Wald Keyenberg
Seit September 2020 leben malin und romii in „Unser aller Wald“ am Rande von Keyenberg.

„Unser aller Wald“ – Pilotprojekt für eine neue Welt

„Ich fand es sehr beeindruckend wie die Anwohner auf unseren Aktivismus reagiert und ihre Dankbarkeit zum Ausdruck gebracht haben“, erzählt uns romii, der seit Mitte September des Vorjahres im Wäldchen lebt. „Es ist spannend, wie sich hier teils linksradikale Ideen mit lokalem Widerstand verknüpfen. Das habe ich bisher so an keinem anderen Ort erlebt.“ Die Solidarität gebe ihm Hoffnung, sagt romii, trotz all der Probleme.

Inmitten der friedlichen Wald-Idylle scheint der Tagebau weit weg zu sein, dabei ist er gerade mal hundert Meter vom Dorf entfernt. Während im benachbarten Dorf Lützerath bereits die ersten Häuser abgerissen werden, herrscht in Keyenberg die Ruhe vor dem Sturm. „Bislang haben wir im Dorf wenig direkten Widerstand geleistet, wir werden hier größtenteils in Ruhe gelassen“, berichtet romii. Wertvolle Zeit, um sich auf die Ziele der Bewegung zu besinnen.

Um herauszufinden, wie eine bessere Zukunft aussehen könnte, braucht es Orte wie diesen, um sich auszuprobieren.

„Natürlich sind wir vor allem hier, um die Kohlebagger zu stoppen. Die Braunkohle ist nach wie vor einer der größten CO2-Verursacher in Europa“, sagt malin. „Gleichzeitig glauben wir, dass sich die Klimakrise im Kapitalismus nicht lösen lässt, wir müssen unsere Wirtschaftsweise komplett neu überdenken.“ Wie sehr das aktuelle System die menschliche Lebensweise und die Natur beeinflusse, sehe man bei Garzweiler besonders stark. „Um etwas zu ändern, müssen wir aber zunächst herausfinden, wie eine bessere Zukunft aussehen könnte. Dazu braucht es Orte wie diesen, an denen wir genau das ausprobieren können“, ergänzt malin.

  • Unser aller Wald Keyenberg
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  • Unser aller Wald Keyenberg
  • Unser aller Wald Keyenberg
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  • Unser aller Wald Keyenberg
  • Unser aller Wald Keyenberg

„Alle Menschen können aktiv sein“

Im Kleinen wird die Utopie bereits gelebt, „Unser Wunsch ist es, dass „Unser aller Wald“ eine Schule des Widerstands ist, wo Menschen lernen können, sich kollektiv und solidarisch zu organisieren“, sagt romii. Der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Realität wolle man ein Beispiel entgegensetzen, zurzeit würden Kletter-Workshops und Schulungen zu zivilem Ungehorsam angeboten. Die richten sich nicht nur an Aktivist_innen. „Ich glaube, dass hier alle Menschen etwas mitnehmen können“, so romii. „Wir hoffen, dass die alternative Lebensweise hier im Dorf für alle erlebbar ist.“

„Jeder kann aktiv sein und für etwas einstehen, das ihm oder ihr wichtig ist.“

Auch wenn die Hemmschwelle zum Aktivismus bei vielen groß sei, gibt sich malin optimistisch. „Jeder kann aktiv sein und für etwas einstehen, das ihm oder ihr wichtig ist.“ Wegen Corona seien die Möglichkeiten zur Teilhabe leider beschränkt, regelmäßige Veranstaltungen, wie der offene Sonntagsbrunch und die Dorfspaziergänge, finden derzeit nicht statt. „Trotzdem sind alle Menschen eingeladen, hier durch den Wald zu spazieren und ein bisschen mit uns zu quatschen“, so malin.

Weitere Informationen zu „Unser aller Wald“ findet ihr auf der Website und dem offiziellen Twitter-Account.

Unser aller Wald Baumhaus Keyenberg
„Zukunft für alle, statt Kohle für RWE“, heißt es auf dem Banner. Nach wie vor ist Braunkohle einer der größten CO2-Verursacher in Europa. Foto: Anina Boedecker

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